Rundgang

Heimatgeschichtlicher Dorfspaziergang
von Hans Appenzeller

Den Rundgang beginnen wir vor dem Gebäude der Verwaltungsstelle und der Volksbank. Die hier im Jubiläumsjahr 2000 erstellte Jupiter-Giganten-Säule gibt Zeugnis aus der Frühgeschichte unseres Dorfes, welches in der Römischen Besatzungszeit (etwa 100 vor bis 300 n. Chr.) eine bedeutende Siedlung war.
Dieser Platz bildete von altersher einen Ortsmittelpunkt.
Hier wurde bereits 1662/63 durch den reformierten Pfarrer Clemens Hirzel (aus Zürich) eine Kirche gebaut, 1671 daneben ein Schulhaus. Kirche und Schule gehörte den Reformierten, wurde aber von den Lutheraner und Katholiken mitbenutzt. Kirche und Schule kamen nach der Kirchenvermögensteilung in der Kurpfalz (1705/07) in den Besitz der Katholiken. Sie wurde auch weiterhin von den drei Konfessionen benutzt.
Die Kirche wurde 1803 abgebrochen und an gleicher Stelle die heutige Kirche errichtet.

1814 wurde hier unter dem Vogt Martin Wetzel ein Rathaus gebaut, das 1900 erweitert wurde. Das Rathaus wurde 1976 abgebrochen und das heutige Verwaltungs- und Volksbankgebäude errichtet. Auf dem heutigen Parkplatz wurde 1868 gegenüber der katholischen Schule das Evangelische Schulhaus gebaut. Es wurde nach der Errichtung der Grund- und Hauptschule 1963 abgerissen.
Das angrenzende Lehrerwohnhaus wurde 1911 gebaut, zuvor stand auf dem Platz die Gemeindebäckerei.

 

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Unser Weg führt an der Kirche vorbei in Richtung Elsenzbrücke.
Hier war bis zum Bau der Brücke im Jahre 1785 eine Furt durch die Elsenz. - Steinerne Furt, daraus entstand der Ortsname - 1100 „Stainvort", 1551 „Steinfurt", 1700 „Steinsfurth", seit 1937 „Steinsfurt".
Um die Furt gruppierten sich seit altersher die Gasthäuser „Ochsen" und „Krone". Sie werden schon sehr früh genannt und besaßen eine sogenannte „Schildgerechtigkeit". Die Besitzer des „Ochsen" waren teilweise „Churfürstliche Zoller", sie erhoben den Brückenzoll. Die bei der „Furt" an der Elsenz liegende Mühle wird bereits in der Dorfwohnung von 1541 als des „Stifts Sinsheim gehörige Mühle" genannt.
Von ortsgeschichtlicher Bedeutung ist auch der Reisbrunnen, welcher ehemals 25 Liter Wasser pro Sekunde spendete. Seine jetzige Gestaltung erfuhr er 1895. Bis zum Bau der Wasserleitung (1908/09) versorgten sich die Anwohner aus dem Reisbrunnen mit Wasser.
Auch das Vieh wurde hier zur Tränke geführt. Den Frauen diente der Brunnen als Waschplatz.

Bei der „Krone" biegen wir links ab und kommen zur Synagoge. Sie wurde 1893 von der jüdischen Gemeinde gebaut, nachdem ihr Betsaal im Hause des Leopold Weil in der Lerchenneststrasse zu klein geworden war. Bis 1937 war es jüdisches Gotteshaus.
Unser Weg führt weiter durch die Goldbachstraße zum Pfarrbrunnen. Hier war in alter Zeit ein Dorfzentrum: die schon 1334 erwähnte Pfarrkirche stand am Fuße des Kirchbergs, etwa vor dem ehemaligen Doppelhaus Huxel/Horlacher, das Pfarrhaus (1576 gebaut) stand rechts daneben. Lehrerwohnhaus und Schule stand unterhalb der Kirche (heutiges Anwesen Wendelin Boxberger). Der Friedhof war hinter der Kirche und zog sich hinauf über die Anhöhe zum Kirchberg, wo in unvordenklichen Zeiten eine Kapelle gestanden haben soll. Das Patronat der Kirche wurde von Kaiser Ludwig (dem Baier) 1334 dem Abt des Klosters auf dem Michaelsberg in Sinsheim übertragen.
Am Pfarrbrunnen vorbei überqueren wir die hölzerne Elsenzbrücke, die sogenannte Karl-Friedrich-Brücke, welche nach dem 2. Weltkrieg anstelle des alten Steges gebaut wurde. Karl-Friedrich-Brücke deshalb, weil der damalige Bürgermeister Ziegler Friedrich und sein Stellvertreter Ries Karl hieß. Der Verbindungsweg von der Goldbach über den Steg zur Hauptstrasse wurde früher „Pfarrgasse" und auch „Allmentgäßlein" genannt.
An der Ecke zur Hauptstrasse steht das schon 1770 mit einer „Schildgerechtigkeit" verliehene Gasthaus „zum Lamm". Gegen Rohrbach am Ortsende befindet sich das katholische Pfarrhaus. Nach der Erhebung Steinsfurt zu einer eigenen Pfarrei (1842) wurde es im Jahr 1862 gebaut.

Von der Hauptstrasse / Steinsfurter Straße führt unser Weg durch die Alte Römerstraße, wo wir rechterseits zur „Orgelfabrik" kommen. Ihr Ursprung geht zurück bis vor 1900. Christian Peter Rau, Glasermeister hatte dort seine Werkstatt errichtet. Sein Sohn Adolf Rau, Schreinermeister erweiterte das Geschäft und legte den Grundstock für seine heutige Größe. Kurz vor dem 1. Weltkrieg ging das Anwesen auf Orgelbauer Ziegler aus Ludwigsburg über, der darin eine Orgelfabrik errichtete. Später ging die Firma auf die Orgelfabrik Walker & Co. Ludwigsburg über. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Steinsfurter Produktion nach dem Hauptgeschäft in Ludwigsburg verlegt. 1954 übernahm die Firma Schellenberg das Anwesen und richtete die Drahtseilfabrik ein. Die Firma wird seit 1985 unter dem Namen Helmut Schellenberg GmbH - Wolfgang Funk Donzdorf weitergeführt (1999 Umzug nach Heilbronn).
In früherer Zeit überquerte nach der Orgelfabrik der „Wässergraben" - von der Mühle ziehend über die Ansbach-strasse durch den Kastanienweg an den Anwesen Albin Labger und Adam Bauer vorbei - zum Wiesental.
Im weiteren Verlauf der Alten Römerstrasse stoßen wir auf den Bau der ehemaligen Raiffeisenbank. Bei den Bauarbeiten im Jahre 1956 wurde hier die bekannte Jupiter-Giganten-Säule gefunden.

Wir gehen links ab in die Keltergasse und kommen zur „Alten Kelter". Die Kelter, ehemals im Besitz des Stifts Sinsheim, wurde Mitte des 16. Jahrhunderts als des „Stifts Kelter" gebaut. Neben der Keltereinrichtung war nach Zerstörung des Rathauses zu Beginn des 30jährigen Krieges von 1624 bis 1814 das Rathaus untergebracht. Gegenüber der Kelter befinden sich zwei Scheunen, hierbei handelt es sich um die ehemalige Zehnt- und Jauchertsscheune des Stiftes Sinsheim.
Vor der Kelter, Ecke Keltergasse/Pfohlhofstrasse stand die 1767 erbaute lutherische Kirche und auch die luth. Schule.
Der weitere Weg führt uns die Pfohlhofstrasse aufwärts zur Eisenbahnbrücke. Wo früher die luth. Schule stand, befindet sich heute das Wohnhaus von Friedrich Nonnemann. Ein Stück der alten Kirchenmauer ist dort noch sichtbar. Linkerseits beim Anwesen Wilking (früher Dörr) stand eine dem Stift Sinsheim gehörende Ziegelhütte.
Vor dem Burgweg bei der Eisenbahnbrücke, biegen wir links in die Alte Friedhofstrasse ein und kommen zum Evangelischen Kindergarten und Kirche. Die Kinderschule wurde 1884, die Kirche 1937 gebaut. Gegenüber befindet sich die ehemalige Koch- und Fortbildungsschule. Sie wurde in den Jahren 1923 bis 1925 von Dr. Hermann Weil für die Gemeinde gebaut. Auf dem Gelände befand sich von 1571 bis 1842 der Gemeindefriedhof.

Nach der Überquerung der Ansbachstrasse gehen wir in den „Ansbach". Die heutige Parkanlage Ansbach war früher eine Tuchbleiche und wurde zu verschiedenen Zwecken genutzt, auch Vereinsfestlichkeiten fanden im Ansbach statt. Im hinteren Teil war ein Gänsegarten untergebracht. Heute steht dort das Ehrenmal für die Gefallenen aller Kriege. Interessant ist die über den Mühlkanal führende Bogenbrücke. Sie wurde 1830 durch Vogt Josef Schrank erbaut, nachdem die vorige Brücke durch ein Hochwasser beschädigt worden war.
Im großen Ansbach steht ein Gedenkstein für Friedrich den Großen.
Wir gehen über den Steg zum kleinen Ansbach am Spielplatz vorbei zur Steinsfurter Strasse und kommen dort zur ehemaligen, im Jahre 1769 erbauten, evangelischen Kirche. Sie diente von 1821 nach der Vereinigung der Reformierten und Lutheranern zur Evangelischen Landeskirche Baden, bis zum Bau der ev. Kirche 1937, als Gotteshaus.
Links neben der Kirche stand früher das Schulhaus der Reformierten.
Hier befanden sich auch die jüdischen Geschäftshäuser: Josef und Karl Weil, Metzger und Viehhändler, Aaron Weil, Getreidehändler (später Gustav Weil), Louis Weil, Gemischtwaren - später Scheidel Franz - heute Alfred Frank -, Moische Weil, Viehhändler (später Nelles), Max Kahn, Handelsmann und Samuel Weil, Landesproduktenhändler und Gastwirt (früher Gasthaus zum Löwen).

Für den weiteren Rundgang bieten sich zwei Varianten an, einmal die Steinsfurter Straße hoch über den Friedhof (1842 angelegt) zum Wasserbehälter beim Stäupbühl (1908/09 gebaut), die Klebersbergstrasse abwärts. Hier waren früher die Ziegelhütten, im Anwesen Anton Ludwig (früher Franz Fritz) befand sich eine herrschaftliche, dem Stift Sinsheim gehörige, erbbeständlich verliehene Ziegelhütte. Private Ziegelhütten wurden durch die Familien Trunk und Klinger betrieben.

Die weitere Route führt durch die Kronprinzstrasse, wo sich linkerhand die Schafscheune befindet. Die Schäferei in Steinsfurt gehörte dem Stift Sinsheim und war erbbeständlich verliehen, sie wird bereits 1563 als solche erwähnt. Das Wohnhaus des Schäfers stand dort, wo sich heute das Wohnhaus von Peter Würfel befindet.
Bei der Einmündung in die Klebersbergstrasse warten wir auf die Gruppe, die vom Friedhof kommt und gehen weiter zum „Lerchennest". In diesem altfränkischen Kleinbauernhof aus dem 17. Jahrhundert unternahm Kronprinz Friedrich von Preußen - der spätere Alte Fritz - in der Nacht vom 4. auf 5. August 1730 seinen bekannten Fluchtversuch.

Danach gehen wir die Lerchenneststrasse abwärts und kommen zu der im Volksmund genannten „Kaserne". Ein imposantes Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert mit einer reichen Geschichte. Das Haus wurde zu Beginn des 30jährigen Krieges (1622) zerstört, 1626 wieder aufgebaut. Im Pfälzer Erbfolgekrieg 1689 abermals zerstört, baute der damalige Churpfälzische Schultheis Michael Raudenbusch das Haus 1704 wieder auf. Er soll darin zeitweilig eine Schankwirtschaft betrieben haben. Ein anderes Ereignis aus dem Keller des Anwesens ist überliefert mit den verbotenen Versammlungen der aus der Schweiz eingewanderten Wiedertäufer, die sie in dem Keller abhielten. Sie wurden verraten und mußten 100 Reichstaler Strafe bezahlen. Es waren 53 Personen aus Steinsfurt und den umliegenden Ortschaften, die sich bei diesen Versammlungen trafen.
Auf dem Frontbalken zur Straßenseite besagt eine Inschrift:
„Anno 1704 - Johann Michael Rautenbusch - Anna Elisabetha Rautenbusch, Schulthes in Steinsfurt, den 22. Abril 1704 H.M.E.Z."

Am Reisbrunnen beenden wir unseren geschichtlichen Rundgang.